Mittwoch, 2. Juni 2010

Im Regen stehen - Wenn eine "barrierefreie" Stadtführung zum Hindernislauf wird...

Mit themenbezogenen und geführten Spaziergängen wie "Jugendstil und Jahrhundertwende" oder "Wau! Auf der Fährte von Kommissar Rex lustig durch die Stadt" will der Wiener Städtetourismus neue Akzente setzen. Neue Wege sollen nun auch mit rollstuhlgeeigneten Führungen befahren werden. Damit diese Idee aber nicht zur Farce wird, bedarf es mehr als nur des Hinweises "Rollstuhlgeeignete Führung".


Die Führung kann beginnen ...
Wien, im Herbst 2004. Kurz vor 11 Uhr kreise ich um die Albertina und versuche einen der fünf in Nähe des Burggartens aus gewiesenen Behindertenparkplätze anzusteuern. Es scheint wie so oft chancenlos. Zusätzlich klingelt das Handy - ich bin gestresst. Meine persönliche Assistentin möchte wissen, wo ich bleibe, die Führung zu den Sehenswürdigkeiten des Wiener Jugendstils habe gerade vor dem Palmenhaus im Burggarten begonnen. Schließlich finde ich dann doch noch einen Parkplatz - Glück gehabt. Abgehetzt radle ich mit meinem Rollstuhl zum Treffpunkt. Ich bin augenscheinlich die einzige behinderte Teilnehmerin der rollstuhlgeeigneten Führung, für die ich 30 Euro bezahlt hatte. Viel dürfte ich noch nicht versäumt haben. Die Fremdenführerin erklärt gerade, dass das Palmenhaus eigens für die kaiserliche Familie erbaut wurde. Jetzt ist der linke Teil ein Schmetterlingshaus, das RollstuhlfahrerInnen ohne Stufen besuchen können. Im rechten Teil befindet sich heute ein Café-Restaurant der gehobeneren Klasse, allerdings mit 3 Stufen davor.

Weiter geht's mit Stufen, Stiegen, Gehsteigkanten ...
Der Weg zum Goethe-Denkmal, unserem nächsten Ziel, ist mit nicht abgeschrägten Gehsteigen gespickt. Meine persönliche Assistentin muss mir zu Hilfe kommen, sonst verliere ich die Gruppe inklusive Fremdenführerin. Vor einem der Ringstraßenpalais stehend, erfahren wir, dass es die hohen Räume nur an den der Straße zugewandten Seiten gab. Je mehr man in die Innenhöfe kam, umso niedriger wurden die Plafonds. Das hängt mit der schnell wachsenden Bevölkerung in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. So wurden Decken in die Räume eingezogen, um Wohnraum zu schaffen. Der Rundgang führt uns weiter zum 1913 erbauten Hotel Bristol. Dann, an der Oper vorbei zum Otto-Wagner-Pavillon, muss ich mich von der Gruppe trennen und einen anderen Weg einschlagen, um ohne Stufen dorthin zu gelangen.


Der Titel "Rollstuhlgerechte Führung" wird langsam zur Farce ...
Hermann Bahr, ein Zeitgenosse Otto Wagners, sagte: "Nur das Zweckmäßige kann schön sein." Den Otto-Wagner-Pavillon sieht man als RollstuhlfahrerIn allerdings nicht von innen, drei Stufen beim Eingang wissen dies zu verhindern. Die nächste Station ist das Café Museum. Um dorthin zu kommen, muss ich wieder einen riesigen Umweg machen. Aber das ist auch schon egal, ins Café Museum führen sowieso wieder zwei Stufen. Und das, obwohl erst unlängst eine Generalsanierung durchgeführt wurde, bei der die Stufen laut Ö-Norm B1600 eigentlich in einen barrierefreien Zugang umgewandelt hätten werden sollen. Wieso dies nicht passierte, wäre wohl eine eigene Geschichte wert. Wieder heißt es für mich, draußen vor der Tür zu warten, bis alle das Café von innen gesehen haben.

Höhepunkt Secession ...
Über dem Eingang der Secession steht in großen Lettern "Ver Sacrum" - Heiliger Frühling. Von diesem Leitgedanken konnte an diesem Tag keine Rede sein. Alle TeilnehmerInnen der Führung, inklusive meiner persönlichen Assistentin, beschließen, einen Rundgang durch die Innenräume der Secession zu machen. Mir ist es wieder vergönnt, draußen zu warten, denn in die Secession kommt man nur über jede Menge Stufen. Es beginnt zu regnen. Jetzt ist endgültig der Zeitpunkt gekommen, wo ich den angeblich barrierefreien Rundgang in Frage stelle. Innerlich bin ich am Kochen. Ich beginne Autos zu zählen. Fast 20 Minuten warte ich im Regen, bis die ersten TeilnehmerInnen wieder heraus kommen. Und das alles ohne Regenschirm, denn Regenschirm und Rollstuhl vertragen sich nicht. Eigentlich wurde auf der linken Seite der Secession eine Hubplattform eingebaut, diese ist aber mit zwei Schlössern abgesperrt und es gibt keine Möglichkeit, sich mittels einer Glocke oder Gegensprechanlage bemerkbar zu machen. Endlich kommt auch die Fremdenführerin wieder aus der Secession heraus und sagt zu mir: "Sie Arme, aber es ging nicht schneller".

Die Führung neigt sich dem Ende zu ...
Es ist nach 12 Uhr mittags. In der Köstlergasse wartet ein weiterer Jugendstil-Bau von Otto Wagner auf uns. In diesem Gebäude ist eine Bank untergebracht, die bis vor kurzem noch drei Stufen beim Eingang hatte. Jetzt ist sie ohne Stufen, mit einer Rampe auch für RollstuhlfahrerInnen zugänglich. Alle Wohnungen, die Otto Wagner baute, hatten ein Badezimmer. Eine fortschrittliche Planung, wenn man bedenkt, dass von den derzeit 800.000 Wiener Wohnungen im Jahr 2004 noch rund 90.000 Wohnungen ohne Badezimmer oder WC waren. Abschließend erklärt uns die Stadtführerin noch, dass der Lift um die Jahrhundertwende entwickelt und in den Häusern von Otto Wagner auch eingebaut wurde. Allerdings fuhren die Lifte nur hinauf, runter musste man zu Fuß gehen. "Na, da kann ich ja froh sein, dass ich heute lebe", denke ich erschöpft am Ende dieser Führung, die für mich wahrlich kein Spaziergang war.

Autorin: Kornelia Götzinger
entnommen dem Buch: Mainual - barrierefreie Öffentlichkeitsarbeit

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