Dienstag, 10. April 2012

Kurzbiografie: Fünf-Sterne-Ghettos im Gespräch

Franz-Joseph Huainigg: Fünf-Sterne-Ghettos im Gespräch

Die Schule in und hinter der Mauer
Mit einem Satz springt Kornelia Götzinger sportlich aus ihrem Auto. Sie ist 32 Jahre alt, scheint selbstbewußt, attraktiv, engagiert. Eine Rollstuhlfahrerin, so denkt man, der die Welt offen steht. Doch wer Kornelia Götzinger näher kennenlernt, merkt, wie verletzlich sie ist.
"Besonders der Umgang mit Nichtbehinderten fällt mir schwer", meint sie und ortet zwischen "denen" und ihr große Unterschiede. Götzinger: "Nichtbehinderte Freunde habe ich nicht. Mir fehlt die Selbstverständlichkeit, mit ihnen umzugehen". - Anm.: Kein Wunder, wenn man 15 Jahre Internatskarriere hinter sich gebracht hat.

Verständlich wird diese Kluft, wenn man Kornelia Götzingers Geschichte kennt.
Da war einmal "die Fürsorgerin", die gemeint hat, daß die Sonderschule in Mauer - Anm.: Mauer: im 23. Wiener Gemeindebezirk - für Kornelia das beste sei. Götzinger: "Damals war für jedes behinderte Kind die Fürsorge zuständig. Meine Mutter ist sehr obrigkeitshörig und so hat sie mich in die Volksschule in Mauer eingeschrieben. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt man eine Stunde zur Schule".
Aber allzuoft kam sie sowieso nicht nach Hause.- Anm.: Nur in den Ferien. - Für Kornelia Götzinger begann ein Leben im Internat, das insgesamt 14 Jahre dauern sollte. Anm.: insgesamt 15 Jahre - von meinem 5. bis zu meinem 19. Lebensjahr.

Die Trennung von der Mutter fiehl ihr besonders mit 6 Jahren sehr schwer. Sie wäre lieber in die Volksschule Währingerstraße gegangen. Dorthin gibt es auch einen Schulbus, "ich hätte jeden Tag heimfahren können. Aber meine Mutter wollte das nicht. Sie wollte berufstätig sein."

Auf die Mutter entwickelte Götzinger einerseits eine starke Wut. Auf der anderen Seite versteht sie aber grundsätzlich auch die Beweggründe der Mutter: "Sie dachte, das ist für mich das beste". Trotzdem fühlte sie sich von der Mutter verstoßen und verraten. Besonders als sich eine Schwester über Kornelia beschwerte, hätte die Mutter gesagt: "Schmieren´s ihr eine". Kornelia empfand sich als Belastung. Für die Mutter aber auch für die Ehe der Eltern insgesamt. So lernte sie früh, sich alleine durchs Internatsleben zu kämpfen.
Die Erziehung in der Schule und im Internat war sehr streng: "Es gab zwar einen Park aber wir durften nicht raus. Bekam ich - Anm.: jemand aus unserer Gruppe ein Essenspakete wurden sie unter den anderen aufgeteilt. Oft gab es Zimmer kontrollen.- Anm.: Kasten und Ladenkontrollen - Waren die Socken nicht ordentlich geordnet, wurden die Laden umgestürzt und jeder mußte sie wieder selbst einräumen. Auf sozial schwache Kinder, die auch wenig Elternrückhalt hatten, stürzten sich die Erzieher Anm.: und Schwestern und auch die anderen Kinder. Einmal im Monat ging es zum Friseur, ob du wolltest oder nicht. Am Wochenende gab es keinen Urlaub sondern es wurde Anm.: eventuell gebastelt - Anm.: ansonsten mussten wir uns die Zeit alleine vertreiben oder waren auf uns alleine gestellt. Wir waren Kinder aus ganz Österreich." - Anm.: mit den unterschiedlichsten Behinderungsarten (Spastiker, Epileptiker, sehbehindert, verhaltensgestört, Rollstuhl, Prothese, Muskelerkrankte, Stockgeher, usw.)
Wenn Kornelia über die Zeit in der Volksschule in Mauer erzählt, versucht sie zunächst das Positive hervorzukehren: "Wir hatten schon ab der 5. Klasse Maschinschreiben als Pflichtfach. Im Turnen war keiner befreit und wir wurden dabei auch nicht geschont. Wir mußten auf die Barren oder die Leitern hochklettern."

In der Schulklasse wurden 2-3 verschiedene Klassenzüge gleichzeitig unterrichtet. Die Schülerinnen waren unterteilt in "N" (= normal körperbehindert), "M" (= geistig behindert) und "S" (= körperlich und geistig schwerstbehindert). Die Schülerinnenhöchstzahl war 14. Unterrichtet wurde nach dem Sonderschullehrplan - natürlich frontal. Aber es herrschte immer Ordnung in der Klasse". Mit 10 Jahren wurde Götzinger einem Intelligenztest unterzogen. Ergebnis: Sie könnte ohne weiteres in eine Mittelschule gehen. Götzinger: "Das wollten Anm.: Ergebnis kümmerte jedoch weder die Eltern noch die Erzieher. "So blieb ich weiter im Internat". Doch die Sonderschule hatte nicht mehr viel anzubieten: "Ich wiederholte dreimal den Stoff der 6. Klasse ohne sitzengeblieben zu sein. Es gab einfach keinen anderen Lehrplan mehr".

Geprägt war die Zeit in Mauer auch von der ständigen Therapie: "Jeder bekam Schienen. Die Beine in die Schienen zu drücken war ein einziger Zwang. Sie wollten dir unbedingt den Rollstuhl wegnehmen, wollten dich zu einem perfekten Menschen machen. Du hast gehen müssen, auch wenn du einen Bauchfleck nach dem anderen gemacht hast. Die große Herausforderung war überhaupt das Stiegen steigen. Gebracht hat das ganze nichts. Heute sitzen alle von damals im Rollstuhl". Eingedrillt wurde ihr auch ständig, daß das wichtigste im Leben die Selbständigkeit ist: "Das Motto war, sich lieber die Zunge abzubeißen, als jemanden um Hilfe zu fragen. " Daraus entstand der "Zwang, sich ständig unter Beweis stellen zu müssen. Vor allem gegenüber den Nichtbehinderten". Auch heute noch hat Kornelia große Probleme, jemanden um Hilfe zu bitten.

Nach der Schule gab es für Götzinger nur zwei Perspektiven: Entweder Weißnäherin zu werden oder in die Handelsschule (Phorusgasse, heute Ungargasse) zu gehen. Bei beiden Ausbildungsstätten war und ist ein Internat angeschlossen. Sie schaffte die Aufnahmsprüfung und besuchte drei Jahre die Handelsschule. Doch die Zeiten wurden dadurch nicht leichter: "Ausgangssperren - Anm.: wenn die Noten nicht in Ordnung waren und, Zusätzlicher Unterricht am Wochenende. Die Eltern durften Anm.. einmal im Monat zwischen 14 und 17 Uhr auf Besuch kommen. Anm.: In die Gruppenräume und In die Zimmer durften sie nicht. Ich war nur mit Behinderten zusammen. Die Schüler der Rudolf Steiner Schule - Anm.: in Mauer (Wien 23) sammelten für uns jährlich bei einer Theaterveranstaltung. Wir waren dazu nicht eingeladen. Ich habe geschaut, daß ich die drei Jahre schnell hinter mich bringe".

Die Zeit nach der Schule war für Götzinger äußerst schwierig. Es gab so gut wie keine beruflichen Angebote. Es fand sich jedoch ein Halbtagsjob bei einer Bank. Nebenbei besuchte sie die Volkshochschule und machte dort Abendmatura: "In Mathe war ich besonders schlecht. Ich war es nicht gewohnt, mit Zahlen Anm.: Buchstaben zu rechnen. In unserer Schule hatten wir höchstens Quadratflächen ausgerechnet". Besonders schwierig fiel Kornelia Götzinger jedoch der persönlich, menschliche Anschluß "draußen": "Ich hatte keine Freunde". Gegenüber Nichtbehinderten hat sie immer den Drang, sich beweisen zu müssen. Es fehlt die Natürlichkeit im Umgang miteinander. Götzinger: "Jeder aus Mauer hat eben einen seelischen Knacks".

aus: http://bidok.uibk.ac.at/library/bi-4-95.html#id3195924
richtig gestellt von Kornelia Götzinger am 10. April 2012

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